Baby Blues: Postnatale Depression beim Mann

Postnatale Depression bei Männern

Nach einer Geburt leiden etwa 10 bis 15% aller Frauen an Depressionen. Weniger bekannt ist, dass auch frischgebackene Väter nicht selten unter einer Depression leiden. Tatsächlich dürften zwischen 5 bis 10% aller Väter nach der Geburt eines Kindes unter einer depressiven Störung leiden. Etwa ebenso häufig, wenn nicht sogar in einem höheren Ausmaß dürften Angststörungen bei Vätern auftreten.

Baby-Blues oder waschechte Depression?

In den ersten Tagen nach der Geburt versinken viele Mütter in eine abgrundtiefe Melancholie, was oft als Wochenbettdepression oder verharmlost als „Baby-Blues“ bezeichnet wird. Auch wenn die Ursachen noch nicht abschließend geklärt sind, geht man davon aus, dass die Umstellung des Hormonhaushalts eine entscheidende Rolle spielt. Hier kann der kundige Gynäkologe gegensteuern. Oft liegt eine körperliche Erschöpfung im Anschluss an eine schwere Geburt vor, davon erholt sich die Mutter dann zusehends. 

Mitunter hält die depressive Stimmung jedoch über längere Zeit an, sodass sich aus dem harmloseren „Wochenbett Blues“ eine ausgewachsene postpartale bzw. postnatale Depression entwickelt. 

„Wochenbettdepression“ beim Mann

Eine Schwangerschaft und die Zeit nach der Geburt führen immer auch zu großen Veränderungen im Leben des Vaters. Denn plötzlich werden an den Mann in der neuen Rolle als Vater ungewohnte  Anforderungen gestellt. Im Unterschied zur werdenden Mutter gehen die anstehenden Verschiebungen hinsichtlich des zukünftigen Alltags nicht organisch vor sich. Die Mutter wächst im Einklang mit den körperlichen Veränderungen meist leichter in ihre neue Rolle hinein.

Besonders beim ersten Kind ändert sich natürlich auch die Beziehung zur Partnerin. Aus der Paarbeziehung wird eine kleine Familie und mit der Familie kommen ganz neue Sorgen.

Männer fürchten etwa, nicht gut genug für Mutter und Kind sorgen zu können. Der Job scheint unter dem Aspekt des „Alleinverdieners“ plötzlich noch wichtiger, gleichzeitig will man die Mutter entlasten und natürlich auch ein guter Vater sein.

Während die Mutter durch Stillen und die körperliche Nähe in den ersten Wochen eine enge Mutter-Kind-Beziehung zum Baby aufbauen kann, fällt es Vätern oft schwer eine Bindung zum Kind herzustellen. Häufig fehlt dem Mann auch seine Frau als gewohnte Gesprächs- und Liebespartnerin. Junge Väter fühlen sich nicht selten allein gelassen und fast wie ein Außenstehender angesichts der innigen Mutter-Kind-Symbiose.  

Der ungewohnte Tagesablauf, Schlafmangel und der Erwartungsdruck des sozialen Umfelds tun ihr übriges.

Symptome einer postpartalen Depression beim Mann

Während bei Müttern die depressive Phase in der Regel einige Tage nach der Geburt  einsetzt, entwickelt sich die postnatale Depressionen bei Männern eher verzögert im Verlauf der ersten drei bis sechs Monate nach der Geburt.

Im Generellen äußern sich Depressionen bei Männern bemerkenswert anders als bei Frauen. Zu den Symptomen einer Wochenbettdepression bei Vätern zählen:

  • Gefühl der Überforderung
  • Versagensängste und Selbstzweifel
  • Gereiztes oder sogar aggressives Verhalten gegenüber Mutter und Kind
  • Gleichgültigkeit gegenüber Frau und Kind
  • Übermäßige Sorge
  • Schlaflosigkeit oder Schlafstörungen

Auch körperliche Symptome, wie Übelkeit, Durchfall, Verspannungen oder Herzrhythmusstörungen können Boten einer depressiven Erkrankung sein.

Untersuchungen haben gezeigt, dass vor allem Männer, die schon früher mit psychischen Probleme zu kämpfen hatten, als junge Väter zu Angstzuständen und Depressionen neigen. Sollte die Mutter unter einer nicht hormonell bedingten postnatalen Depression leiden, ist das Risiko für den jungen Vater deutlich erhöht selbst auch eine Depression zu entwickeln.

Depressionen bei Eltern schaden auch den Kindern

Wenn ein Elternteil unter Depressionen oder Angstzuständen leidet, wirkt sich das immer auch auf das Baby und – wenn sich die Familie vergrössert – auf die anderen Kinder in der Familie aus. Deshalb ist es so wichtig, sich besser früher als später professionelle Hilfe zu holen. Leider gestehen sich Männer ihre tatsächliche Überforderung ungern ein, stattdessen empfinden sie sich als Versager und kommen nicht auf die Idee, sich um Hilfe zu bemühen. 

Die gute Nachricht: Das Verantwortungsgefühl und die Sorge um Kinder mag die Scheu vor einer Therapie überwinden helfen. Moderne Eltern wissen, dass sich für ihre Kinder Folgeschäden einstellen können wenn sie als Eltern depressiv sind. Immerhin ist bekannt: Depressive Eltern verbringen weniger Zeit mit Ihren Kindern (weil es sie überfordert), sie sind körperlich distanzierter als Folge der Depression und sie lassen ihren Frust häufiger an den Kindern aus.

Es gibt diverse Studien, die darauf hindeuten, dass eine Depression der Eltern gerade während der ersten Lebensjahre des Kindes dazu führen kann, dass es später selbst mit emotionalen Problemen zu kämpfen hat.

Eine depressive Erkrankung bedeutet jedoch nicht automatisch, dass man kein guter Elternteil sein kann, vorausgesetzt man stellt sich der eigenen Problematik. 
Eine Behandlung durch einen Psychiater und die Unterstützung durch einen Psychotherapeuten helfen Betroffenen nicht nur Depressionen und Ängsten in den Griff zu bekommen, es unterstützt sie auch bei der Aufgabe, sich liebevoll um die Familie kümmern zu können.

Dr Marc Nairz-Federspiel

AUTOR

Dr. Marc Nairz-Federspiel
ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin und therapeutischer Leiter von ADBWIEN