Hochfunktionale Depression: Erfolgreich & trotzdem depressiv

Depressive Erkrankungen äußern sich nicht bei jedem Betroffenen gleich. Wer unter Depressionen leidet, muss nicht erkennbar die klassischen Symptome zeigen, sich aus dem Sozialleben zurückziehen und alltägliche Aufgaben als komplette Überforderung wahrnehmen. Es gibt durchaus Menschen, deren Leben geradezu perfekt zu sein scheint, die jedoch von anderen – oft auch von sich selbst – unbemerkt unter einer schweren depressiven Krankheit leiden. Hochleistungsverhalten kann in manchen Fällen wie eine Selbstmedikation funktionieren. Was gesunde Kollegen des Betroffenen als unzumutbare Überforderung des Chefs von sich weisen, ist diesem Typus des Depressiven geradezu willkommen. Es bedeutet für ihn volle Konzentration auf die Herausforderung, denn das bedeutet für ihn Ablenkung, d.h. befristete Erlösung vom Leiden. (Die Anerkennung seines Einsatzes von höherer Warte verlängert den Einsatz auf erfreuliche Weise – und kann gleichzeitig ein Hemmnis dahingehend sein, sich der Depression als Einschränkung des Lebens überhaupt bewusst zu werden).

Depressiv & erfolgreich?

Bei einer spezifischen Form einer atypischen Depression, die als „hochfunktionale Depression“ bzw. „high functioning depression“ bezeichnet wird, schaffen es Betroffene also trotz ihrer Erkrankung scheinbar mühelos einen anspruchsvollen Alltag zu meistern. Nach außen hin zeigen Betroffene auf den ersten Blick keinerlei Anzeichen einer depressiven Störung. Ganz im Gegenteil: Menschen mit einer hochfunktionaler Depression sind im Beruf nicht selten sogar ausgesprochen effizient und erfolgreich. Soziale Verpflichtungen in der Familie, im Freundeskreis oder mit Arbeitskollegen bewältigen sie problemlos. Kurzum: Sie scheinen Ihr Leben voll im Griff zu haben.

Der Schein trügt. Ein Blick hinter die Fassade zeigt eine andere Realität.  Innerlich leiden hochfunktional Depressive eben doch unter der typischen Niedergeschlagenheit und Leere, fühlen sich überfordert, ausgelaugt und haben nicht selten starke Angstgefühle.

Hochfunktionale Depression: Wer ist betroffen?

Sowohl Frauen als auch Männer sind von „hochfunktionalen“ Depressionen betroffen. Häufig gehören diejenigen zu den Erkrankten, die vom Charakter her einen ausgeprägten Perfektionismus an den Tag legen, besonders hohe Ansprüche an die eigene Leistung stellen und sich selbst hohe Ziele setzen. Zwar sind genau diese Punkte mitunter dafür verantwortlich, dass Menschen im Beruf besonders erfolgreich sind, allerdings kann sich genau dieser Habitus eben auch negativ auswirken.

Eine Schwierigkeit ist: wie entkoppelt man ein offensichtlich positives Persönlichkeitsprofil vom möglicherweise darunter verborgenen Leiden?

Als Signale lassen sich die hohen Anforderungen und Erwartungshaltungen der Betroffenen an sich selbst lesen, die als selbstverschuldete Fehler wahrgenommen werden, sobald man diesen Forderungen nicht entspricht.  Besonders Männer neigen dann dazu die empfundenen „Leistungseinbußen“ selbst zu „therapieren“: Mit Alkohol, Medikamenten und Drogen.

Symptome einer atypischen Depression

Weil die Depression eben atypisch verläuft, sind eindeutige Symptome schwer zu beschreiben. Anders als bei klassischen Depressionserkrankungen sind allgemeine Antriebslosigkeit und der Rückzug aus dem Sozialleben seltener anzutreffen. Klassische Symptome, wie eine negative Grundstimmung, Niedergeschlagenheit und Angstgefühle dagegen dominieren auch die atypische Depression.

Symptome, die im Zuge einer atypischen Depression besonders häufig sind:

  • Überhöhte Ansprüche an sich selbst
  • Selbstzweifel & vermindertes Selbstwertgefühl
  • ausgeprägte Versagensangst
  • Schuldgefühle
  • übermäßiger Alkohol- & Nikotinkonsum und Missbrauch anderer Substanzen
  • leichte Reizbarkeit
  • Schlafstörungen
  • Essstörungen

Wenn die Depression „dazugehört“

Betroffene empfinden und verstehen ihre „hochfunktionale Depression“ oft als normalen Zustand. Sie sind halt so. Ihr diesbezügliches Selbstbild hat sich vielleicht schon während der Adoleszenz herausgebildet. Auch weil sich die Krankheit über Jahre hinweg schleichend entwickelt und unmerklich mehr und mehr Raum einnimmt, erleben sie ihre negativen Gefühle, die innere Leere und das Selbstzweifeln so, als seien diese schon immer da gewesen. Dazu kommt, dass auch das soziale Umfeld oft auf Grund des effektiven Funktionierens der Betroffenen keine depressiven Anzeichen erkennen kann.

Selbst wenn Betroffene selbst erkennen, dass sie unter einer psychischen Erkrankung leiden könnten, fühlen sie sich vereinfacht gesagt „nicht krank genug“, um sich in Therapie zu begeben. Unbehandelt droht sich die „hochfunktionale Depression“ jedoch zu verschlechtern. Sie kann letztendlich sogar in eine schwere Form der Depression münden. Nicht selten mit Suizidgedanken. Erwähnt sei hier besonders, dass sich die HFD tatsächlich nur schwer von einem Burn-out-Syndrom abgrenzen lässt. Zumal das Vorliegen einer „hochfunktionalen Depression“ sehr leicht ohne entsprechende Behandlung in ein Burn-Out mündet.

Wesentlich ist also, dass dieser komplexe Status mittels spezifischer Diagnose-Tools (wie Klenico®) und medizinischen Tests vom Facharzt für Psychiatrie diagnostiziert werden kann. Es gilt festzusellten, ob eine „hochfunktionale Depression“ oder aber eine andere Form einer psychischen Erkrankung vorliegt. Anschliessend kann eine entsprechende Behandlung vorgeschlagen werden.

Dr Marc Nairz-Federspiel

AUTOR

Dr. Marc Nairz-Federspiel
ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin und therapeutischer Leiter von ADBWIEN